Günter Freiherr von Gravenreuth

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Günter Freiherr von Gravenreuth
"Der Günni" alias "Tanja Nolte-Berndel"
Name
  • Günter Freiherr von Gravenreuth
  • gebürtig: Günter Werner Dörr
Pseudonym
  • Günni
  • Tanja Nolte-Berndel
  • Simone Reuenberg
  • Sonja Stein
  • Silke Kempen
  • Anja Körfer
  • Marion Kaul
  • etc.
geboren 1948
gestorben 2010
Nationalität Deutschland
Branche
  • Jurist
Informationen
  • Versendete die "Tanja-Briefe"


Günter Werner Freiherr von Gravenreuth wurde in der Computerszene oft scherzhaft Günni genannt, und war ein Rechtsanwalt aus München.


Er war in den 1990er Jahren unter den C64-Usern eine recht bekannte Persönlichkeit, da es sein Spezialgebiet war, Urheberrechtsverstöße in Form von Raubkopien zu verfolgen. Er verdiente sein Geld hauptsächlich, indem er zunächst mit zweifelhaften Methoden gezielt bei Minderjährigen nach kopierten Computerspielen recherchierte. Daraufhin folgten juristisch umstrittene Abmahnungen mit Bezug auf eine Verletzung des Urheberrechts.
In späteren Jahren verlagerten sich seine Abmahnungswellen zunehmend auf Markenrechtsverstöße ("Triton"[1], "Explorer").
Gravenreuth gab auch gerne Interviews in Computerfachzeitschriften zum Thema Raubkopien, obgleich es auch etliche Auseinandersetzungen mit Verlagen und Zeitschriften gab, die sein Wirken mitunter recht kritisch sahen, was dann sogar in einstweilige Verfügungen[2] gegen ihn mündete.

Gravenreuth ließ in diversen "Under-Cover-Aktionen" Briefe unter weiblichen Namen, meist Tanja oder Tamara an Privatpersonen versenden.[3] Auch Simone Reuenberg war ein beliebtes Pseudonym. Die Adressen bezog er vor allem aus Inseraten in Computerzeitschriften. Er ließ auch selbst Kleinanzeigen aufgeben. Die angeblich 15 Jahre alte Schreiberin legte auch gerne ein Bild bei, dass Gravenreuth von einer Modelagentur bezogen hatte. Diese Tanja Nolte-Berndel (oder auch anders) war nun auf der Suche nach Tauschpartnern für Computerspiele, und schickte auch gleich die Aufforderung mit, ihr eine Liste mit allen Spielen die man besäße, zu zuschicken. Sie würde dann wiederum mit konkreten Tauschvorschlägen antworten. Dabei appelierte Gravenreuth gezielt an das Mitleidsempfinden der C64-User. So erzählte "Tanja" unter anderem auch gerne davon, dass sie bereits bei anderen Tauschversuchen betrogen wurde.

Ging der Angeschriebene auf den Vorschlag ein, schickte Gravenreuth eine Abmahnung wegen Verstoßes gegen das Urhebergesetz. Dabei nutzte er die Unwissenheit vieler Computerbesitzer aus und mahnte laut einzelner Berichte auch bei Public-Domain-Software oder gar Originalen ab. Besonders dreist waren Abmahnungen an Käufer von Originalspielen mit der haltlosen Unterstellung, die Software sei gezielt gekauft worden, um sie dann zu cracken und weiterzugeben. Das Unterschreiben dieser Abmahnungen war ein Schuldeingeständnis. Bei Weigerung veranlasste der Anwalt teilweise weitere Schritte wie Strafanzeigen. Die Folge war dann unter Umständen eine Hausdurchsuchung durch die Polizei.

Rechtlich gesehen war das Vorgehen von Gravenreuth hierbei mehr als fragwürdig, schließlich forderte er selbst zum Tausch von Kopien auf. Juristische Folgen hatten seine damaligen Lockvogelangebote jedoch nie.
Gerüchte, wonach Gravenreuth auch "Kopfgelder" von Softwarefirmen erhielt, konnten nie bestätigt werden. Ebenso wie der Vorwurf, der Anwalt habe selbst gezielt Schwarzkopien verbreiten lassen, um später abzumahnen.

Nach dem Aussterben des Tauschhandels mit Disketten auf Schulhöfen und in Freizeitheimen, ging Gravenreuth mit der Zeit und verlegte sich auf illegale Internetdownloads. Dabei tat er sich zeitweilig auch mit dem Internetunternehmer Kim Schmitz zusammen.


Der Ärger in der C64-Szene über Gravenreuth war aus nahe liegenden Gründen recht hoch. Diese Antipathie machte sich auch in der Cracker- und Hackerszene bemerkbar. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und schwarzem Humor schrieben Unbekannte unter dem Pseudonym "G.A.Y." 1989 ein Spiel namens "Kill Gravenreuth" für den C64. Es ging dabei nicht, wie der Titel vermuten lässt, um die möglichst grausame Hinrichtung des Anwalts, vielmehr versetzte man sich satirisch in dessen Rolle.
Ähnlich aufgebaut ist das 1990 erschienene Spiel "The Anti Gravenreuth Game", ebenfalls von "G.A.Y.". Die Spiele waren in der Szene der "Schulhofdiskettentauscher" weit verbreitet.
Eine weitere Cracker-Gruppe der C64-Szene waren "Radwar". Diese Gruppe lernte Gravenreuth zuerst auf juristischem Weg kennen. Später luden sie ihn aber sogar zu Szene-Partys ein.



Tanja-Briefe


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Hier wurde vier mal mit vier verschiedenen Namen die selbe Person angeschrieben, aber immer mit der selben Adresse aus Gladbeck.
Der Brief von Anja Körfer wurde sogar versehentlich mit "tschüsssiii Michaela" unterschrieben. Bei den vielen Namen kann man anscheinend durcheinanderkommen...
Ein Team des Markt & Technik Verlages suchte diese Adresse sogar einmal auf, wurde dort von den richtigen Bewohnern aber unfreundlich abgewiesen.


Artikel

  • "Haie und kleine Fische" von Harald Beiler, 64'er 10/1994 S.9-11


Weblinks

WP-W11.png Wikipedia: Günter Werner Freiherr von Gravenreuth

Quellen

  1. heise.de: Die Triton-Falle, 1995-12-12
  2. presseportal.de: Verlag Heise erwirkt Verfügung gegen Abmahn-Anwalt von Gravenreuth - c't wehrt "Lizenzerpressung" ab, 7.7.2000
  3. Gravenreuth-FAQ 2 (Mirror von www.klostermaier.de)